Condi revisited

Der für die aktuellen Stunden wohl interessanteste Teil in diesem sehr langen Beitrag – übersetzt von annalist – war sicherlich Condis Reaktion auf die Frage, ob waterboarding Folter sei:

Ist Waterboarding Folter?

Condoleezza Rice: Der Präsident gab uns die Anweisung, nichts zu unternehmen, was gegen die UN-Antifolterkonvention verstößt. Übrigens kam von mir keinerlei Genehmigung. Ich habe lediglich die Anweisung der Regierung an die CIA weitergegeben, dass sie also von Seiten des Justizministeriums grünes Licht hatten. Mehr habe ich nicht gemacht.

OK. Ist Waterboarding Folter?

Und ich habe gerade schon gesagt, dass man die Vereinigten Staaten, dass man uns angewiesen hatte, nichts zu unternehmen, was gegen die Antifolterkonvention verstößt. Deswegen ist es also per Definition so, dass eine Anordnung, die vom Präsidenten kam, gar nicht gegen die Antifolterkonvention verstoßen konnte.

Warum eigentlich nicht den Begriff “Menschenwürde” gleich komplett neu definieren? Schließlich verhindert dieser, dass der Staat uns vor Terror schützt.

Dass Anweisungen von Oben nicht gegen Recht verstoßen können, weil es ja schließlich Anweisungen von Oben sind … das erinnert mich in der Argumentationslogik an die deutsche Geschichte zwischen 1933 und 1945. Dahinter steckt eine Rechtsphilosophie, die wir im Unterricht vereinfachend als “Positivismus” bezeichnet und dem “Naturrecht” entgegen gestellt haben.

Dass die Dinge etwas komplizierter liegen machen die Beiträge zu Albert deutlich.

Nachtrag zu 9/11

Im Folgenden ein erweitertes Exzerpt zu einem Artikel auf der Seite der ZEIT zum Thema Ursachen von Terrorismus:

Quelle: http://www.zeit.de/2005/34/Terrorismus?page=1

Geschichtsbild von Terroristen und Fundamentalisten:

  1. Glorreiche Vergangenheit
  2. dunkle Gegenwart (Kultur, Politik) → kranke Gesellschaft, Opfer äußerer Einflüsse (Westen, Modernisierung, Globalisierung, Vernichtung von Gewissheiten, zu viel an Freiheit und Wahlmöglichkeiten, Verlust von moralischen Standards, Solidarität …)
  3. glorreiche Zukunft

Ziel von Terroristen:

Krankheit der Gesellschaft zu heilen durch Rück(!)besinnung auf traditionelle Werte

→ Kampf mit sich selbst (Innen) → Fundamentalismus

→ Kampf mit den Verursachern (Außen) → Terrorismus

Unterschied zwischen beiden Gruppen

  • Fundamentalisten noch Teil weiterer Bezugsgruppen
  • Terroristen nur noch Teil der religiösen und fundamentalistischen Bezugsgruppe

→ Isolation von der Gesellschaft, Konzentration auf Rache als Daseinszweck

Sozialer Hintergrund von Terrorismus:

Mittelschicht, Bildungselite (und eben nicht persönliche Armut!)

  • erkennt die Rückständigkeit der eigenen Gesellschaft
  • erkennt die „moralische Verkommenheit des Westens“ und dessen Einfluss auf die eigene Gesellschaft
  • erkennt die Ungerechtigkeit in der Weltwirtschaftsordnung etc.

→ empfindet dies als Demütigung und kann diese auf Grund seiner Bildung formulieren, eine Strategie zur Bearbeitung entwickeln und in einen ideologischen Überbau integrieren

Diagnose:

Betonung von Ehre in islamischen Gesellschaften sensibilisiert Terroristen zusätzlich für Demütigungen (ausreichend: empfundene ~) und führt insgesamt zur narzisstischen Kränkung (Wikipedia zum Begriff)

Versuch einer Zusammenfassung:

Terrorismus wird so zu einer Art psychischen Krankheit auf Grund einer mangelhaften kulturellen Verarbeitung von Modernisierungsfolgen

terrorursachen_zeit PDF 49 KB

terrorursachen_zeit ODT 25 KB

Tipp für weitere Lektüre: http://www.zeit.de/2006/23/Enzensberger?page=1