Läuft Deutschland mit beiden Beinen durchs 21. Jahrhundert?

Am 2.11.09 wurde in der Zeitung “Das Parlament” das Essay “Der Sozialstaat des 21. Jahrhunderts braucht zwei Beine” veröffentlicht. Die Autorin Jutta Allmendinger sieht für ein sinnvolles Fortbestehen der europäischen Sozialstaaten nur eine sinnvolle, machbare und vor allem zielführende Möglichkeit.

Das Modell des Sozialstaats ist längst nicht mehr nur ein Modell. Es gibt mehrere verschiedene Ausführungen. Die zukunftssicherste Version des Sozialstaates für ein fortschrittliches europäisches Land wie Deutschland sei auf zwei Beinen gestützt. Nämlich überdurchschnittliche Bildung und vorbildliche Sozialpolitik. Bei genauerer Betrachtung kann man ihr dabei fast nur recht geben. Denn die industrielle Fertigung und Produktion hat schon seit längerem große Probleme mit den unterirdischen Preisen fernöstlicher Konkurrenten mitzuhalten. Auch wenn Deutschland seit geschätzten 500 Jahren Exportweltmeister ist, müssen wir bald einsehen, dass uns dieser Titel sehr bald von China genommen wird. Außerdem liegt das nicht daran, dass wir produzieren wie verrückt, sondern an den Preisen die wir für unsere Qualitätsprodukte noch verlangen können. Darauf kann man natürlich stolz sein und sich glücklich schätzen. Sonst würde unsere Industrie noch schwerere Zeiten durchmachen. Denn bis heute ist in vielen Branchen, in denen es auch um Präzision bei der Fertigung von Produkten geht, “Made in Germany”  eine Auszeichnung. Doch nichts desto trotz erlebt die Industrie seit einigen Jahren einen Prozess der Verlagerung ins Ausland.

Was sind also zukunftssichere Märkte für Deutschland? Diese Frage muss man sich auch stellen, wenn man sich mit der Zukunft des Sozialstaatsmodells im 21. Jahrhundert auseinandersetzen will. Auch in Zeiten der Wirtschaftskrise sind weltweit deutsche Ingenieure gefragt. Die Forschung und Entwicklung sind Stärken unseres Landes, mit denen wir uns weiterhin an der Spitze der wirtschaftlichen Bedeutung weltweit halten werden können, wenn wir für ausreichende und gleichzeitig entsprechende Qualität der Bildung sorgen.

Hat unsere Regierung die Weichen für eine gute Sozial- und Bildungspolitik gestellt? Oftmals hilft es bei der Beantwortung dieser Frage, einfach nach der Zufriedenheit im Volk zu fragen. Doch warum Fragen? Die Antwort wird einem in letzter Zeit doch fast dauerhaft entgegen gebrüllt. Die ständigen Bildungsstreiks an Schulen wie Hochschulen, an denen nicht selten auch Lehrer und Professoren teilnehmen zeigen ganz klar, dass sehr viele das Gefühl haben, nicht ausreichend unterstützt, gefördert oder überhaupt beachtet zu werden. Die neuen Regelungen für Studien werden gleichermaßen von Studenten wie Professoren und Rektoren als Bildungshindernd dargestellt. Es ist mehr als offensichtlich, dass hier Handlungsbedarf besteht.

Doch wie sicher stehen wir auf unserem 2. Bein? Werden wir unserem sozialstaatlichen Pionierdasein gerecht? Auch hier lässt sich eine viel größere Unzufriedenheit unter der Bevölkerung als in skandinavischen Ländern feststellen. Doch wenn die Bevölkerung hier anscheinend mit allem unzufrieden ist, liegt das dann nicht einfach an unserem deutschen Nörgelzwang? Ich glaube nicht, denn es ist ja nicht so, dass wir nicht auch loben könnten. Auch wenn manche Bevölkerungsteile wie zum Beispiel wir Schwaben nicht gerade für unsere Lobeshymnen bekannt sind.

Insgesamt kann man sagen, dass wir zumindest das Laufen noch nicht verlernt haben. Doch es gibt Nationen, die uns in Sachen Koordination von zwei Beinen noch etwas vormachen und von denen man auch ruhig etwas abschauen sollte.

Author: susdummy

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One thought on “Läuft Deutschland mit beiden Beinen durchs 21. Jahrhundert?”

  1. Ich kann die Hochschulrektorenkonferenz nicht unter denen sehen, die Kritik üben – vielmehr scheint diese Runde mit gegenseitigem Schulterklopfen so beschäftigt zu sein, dass nicht einmal diese Streiks es auf die Homepage der HRK unter die Rubrik Brennpunkte geschafft haben: http://www.hrk.de/de/brennpunkte/brennpunkte.php
    Bildungspolitik und die Finanzierung von Bildungspolitik scheint ein Thema zu sein, das auch die direkt Betroffenen (vom Schüler angefangen) nicht wirklich verfolgen. Nörgeln würde hierzu ja auch nicht reichen – das Engagement müsste weiter reichen, weitere gesellschaftliche Kreise mit einbeziehen, sich institutionalisieren, Interessen klar benennen und Machtverhältnisse sowie die Rolle von Vetospielern analysieren.

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