Piraterie – Machtverhältnisse in Somalia

Die Machtverhältnisse in Somalia kann man versuchsweise mit zwei Wörtern beschreiben: Zum Ersten mit „Unbeschreiblich“, denn eigentlich kann man die Verhältnisse in Somalia überhaupt nicht beschreiben und Zweitens mit „Chaos“. Somit kann man die Machtverhältnisse mit „Unbeschreibliches Chaos“ beschreiben und trifft es eigentlich ziemlich gut.
Doch wer kämpft im Machtkampf um Somalia alles mit? Darüber soll dieser Text einen Einblick geben:

Eine international anerkannte, vom Volk einigermaßen legitimierte Regierung gibt es in Somalia seit 1991 nicht mehr. International wird zwar die Föderale Übergangsregierung (Transitional Federal Government) anerkannt, doch sie besitzt bei Weitem nicht die Macht, die man von einer Landesregierung erwarten würde. Vor einem Jahr (Ende 2007) kontrollierte sie nach eigenen Angaben ca 1/5 des Landes. Zu diesen 20% gehören Gebiete in Südwestsomalia und Teile der schwer umkämpften Hauptstadt Mogadischu. Als verbündet gilt das de-facto-autonome (selbstständige) Puntland im Nordosten Somalias.
Die Regierung ist das Ergebnis langer Konferenzen mit dem Ausland, wird jedoch von vielen mächtigen Gruppierungen in Somalia nicht anerkannt und von manchen auch massiv bekämpft. Manchmal kommt die Ablehnung auch nur daher, dass der Präsident des Landes einem anderen Clan angehört und manche Parteien sehen in der Anarchie auch das große Geschäft und bekämpfen deswegen die Regierung.

Um die Machtverhältnisse in Somalia zu verstehen muss man sich erst einmal die gesellschaftliche Struktur angeschaut haben:
Somalia hat eine segmentäre Gesellschaft, das heißt, dass jeder Somali (Volk, das die große Bevölkerungsmehrheit in Somalia darstellt) über seine väterliche Abstammungslinie zu einem Clan / Stamm gehört (ähnliche wie früher in Irland / Schottland). In Somalia gibt es fünf große Clans (Hawiye, Isaaq, Darod, Rahanweyn, Dir) mit jeweils etlichen Subclans, wodurch wir schon durch die Gesellschaftliche Struktur ein gespaltetes Machtverhältnis haben. Da es manchmal zwischen diesen Stämmen zu Konflikten kommt, gab und gibt es in Somalia immer kleine Unruhen.

Doch es gibt nicht nur diese verschiedenen Clans, sondern es kommen noch weitere Akteure hinzu:
In einzelnen Gebieten herrschen Warlords, Kriegsherren mit ihrer eigenen Privatarmee, die oft in alle möglichen organisierten Verbrechen verstrickt sind, von Drogen über Menschenhandel bis zur Piraterie. Diese haben ihr eigenes kleines Land, das sie gegen andere verteidigen und auch durch Grenzposten markieren.

Auch die Union Islamischer Gerichte beansprucht weiterhin ihren Teil an der Macht, nachdem sie 2007 von der Übergangsregierung mit äthiopischer Hilfe vertrieben wurden. Heute ist vor allem der radikale Teil der Union, „al-Shabab“, noch aktiv gegen die Übergangsregierung. Sie haben Teile Mogadischus, sowie weitere Teile Südsomalias unter ihrer Kontrolle und sind auch gerade wieder auf dem Vormarsch.
Ihr Ziel ist ein islamischer Staat mit dem Schariagesetz, wie sie es schon 2006 fast erreicht hätten.

Doch nicht im ganzen Land herrschen lokale Clans, Warlords oder die islamischen Gerichte. Der Norden Somalias ist praktisch unabhängig und teilt sich in „Somaliland“ im Nordwesten und „Puntland“ im Nordosten. Beide Teilstaaten sind zwar nicht international als Unabhängig anerkannt, sind es aber praktisch. Sie haben beide relative stabile demokratische Regierungen, denen aber öfters Korruption und ähnliches vorgeworfen wird. Traurig, aber wahr, diese zwei Regionen sind der stabilste Teil Somalias! Wenn wir hier von stabil reden, wäre das in Deutschland immer noch der unstabilste Zustand, den wir uns vorstellen können, doch immerhin hat es hier eine Regierung, die nicht auf Kriegsfuß mit der Bevölkerung ist.

Man kann es sich nun leicht vorstellen, dass in Somalia das kriminelle Geschäft blüht, da es keine zentrale Macht gibt, die dies unterbindet.
Der Teil der Kriminalität mit der momentan stärksten Medienpräsenz ist die Piraterie. Allein in der Region Puntland soll es 1500 Piraten geben, vor allem in der Hafenstadt Eyl, die schon lange ein Unterschlupf der Freibeuter ist. Die Regierung Puntlands ist hier kaum vertreten und seit der Fischfang vor der Küste Somalias durch illegale Überfischung von Fischfangflotten aus der ganzen Welt immer unlukrativer wird, wechseln immer mehr Fischer die Branche. So wächst die Zahl der Piraten ständig, denn „wer in Somalia dieser Tagen Geld machen will, für den gibt es eigentlich nur einen Karriereweg: Pirat!“ um einen ARD-Reporter zu zitieren. Die eigentlichen Piraten, die nachher das Schiff kapern, verdienen zwar nicht das große Geld, doch es ist immerhin um einiges mehr als der Fischfang hergibt und dazu noch leichter verdientes Geld.
So haben sich teilweise ganze Dörfer oder sogar ganze Regionen zusammengeschlossen um auf Bestellung Schiffe zu kapern. Die Bosse dieser Banden bauen große Villen und fahren teure Geländewagen.
Doch sie sind eigentlich nur die „kleinen Fische“. Diejenigen die das ganz große Geschäft machen leben nicht in Somalia, sondern auf der ganzen Welt, auch in Europa. Sie haben den Überblick und sind es auch, die bestimmen welche Schiffe angegriffen werden sollen.
Durch diese Mafiakontakte und modernster Technik haben die Piraten genaue Informationen über die Schiffe und können gezielt losschlagen.
Verhindern tut es keiner so wirklich, denn alle verdienen mit: Die eigentlichen Piraten, die Warlords, Clans und sogar die Union Islamischer Gerichte sowie die aktuell anerkannte Regierung. Beide sagen zwar, dass sie gegen die Piraterie vorgehen wollen, doch entweder haben sie keine Macht dazu, oder sie verdienen selbst mit. Manche hochrangige Politiker spielen den Piraten sogar gezielt Informationen über Schiffe zu.
Berichten zufolge gehen viele islamische Extremisten solche Zweckbündnisse ein. Sie lassen sich von den Piraten Waffen ins Land schmuggeln, die sie im Dschihad (Heiliger Krieg) einsetzten, um aus Somalia einen islamischen Staat zu machen, denn im Gegensatz zu den meisten Piraten hat diese Partei eine politische Richtung.
Auch manche Warlords investieren in die Piraten und werden so am Gewinn beteiligt. Teilweise unterstützen sie dann mit dem Gewinn die islamischen Kämpfer.

Doch wir dürfen nicht vergessen, dass die Piraterie nur EIN Teil des organisierten Verbrechens in Somalia ist. Mit der Piraterie ist auch der Drogen und Menschenhandel stark vernetzt.
Man darf also nicht glauben, wenn man die Piraten alle geschnappt hat, dass dann Somalia clean wird, denn das kriminelle Geschäft ist viel zu lukrativ und es werden auch immer neue Piraten nachkommen, solange weiter illegal gefischt wird und die Fischer somit nicht genug, oder zumindest weniger wie mit der Piraterie verdienen.
Somit müsste man in ganz Somalia durchgreifen, denn sobald die Kriegsschiffe der EU, UNO usw. wieder weg sind, wird die Freibeuterei wieder in gleichem Maße weitergehen.

Wir sehen also, dass in Somalia wirklich das „unbeschreibliche Chaos“ herrscht und es dort wohl auch weiterhin zu Konflikten um die Machtfrage kommen wird.

Doch ich sehe noch eine ganz andere Auseinandersetzung, die die ganze Welt betreffen könnte und vielleicht schon in naher Zukunft eskalieren könnte:
Sollte es eine Einsatztruppe des Westens geben, könnte es in Somalia zum Stellvertreterkrieg zwischen der islamischen Welt und dem Westen kommen.
Dies könnte ähnlich enden wie im Irak und Afghanistan, wo es zum jahrelangen Krieg zwischen Terrorgruppen und dem Militär aus dem Westen kommen könnte, denn in Somalia gibt es auch Verbindungen zu Terrorgruppen wie Al-Qaida, die Unterstützung aus der arabischen Welt erhalten.
Die Islamisierung durch den Vormarsch der Union Islamischer Gerichte könnte also zum globalen Problem werden, wogegen die Piraten nur Peanuts wären.

Ich denke wir werden also weiterhin viel über die Machtverhältnisse in Somalia hören und können hoffen, dass das „unbeschreibliche Chaos“ sich bald legen wird und es eine zentrale Regierung geben wird, die der Kriminalität und der Armut den Kampf ansagt, sodass ein jeder Somali sich wieder vom der ehrlichen Arbeit ernähren kann.
Doch gerade scheint eher das Gegenteil der Fall zu sein, denn die äthiopischen Streitkräfte machen momentan ihre Ankündigung wahr und zeihen sich langsam aus Somalia zurück, was zu einer weiteren Destabilisierung führen könnte. Aktuellstes Ereignis ist der Abzug von zwei Stützpunkten aus der Hauptstadt Mogadischu. Kurz darauf wurde gleich der Präsidentenpalast von Islamisten beschossen, worauf es zu weiteren Schießereien kam. Der Abzug wird also zumindest für die nächste Zeit, wohl aber auch langfristig, zu weiterer Gewalt führen.

Author: susdummy

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