Freiheit vs. Würde?

Ich habe vor anhand eines kleinen Gedankenexperimentes festzustellen, ob Würde wichtiger als Freiheit ist, oder andersrum. Oder ob und wie beide zu vereinen oder zu trennen sind.

Stellen Sie sich vor sie laufen an einem sonnigen Samstag Nachmittag über einige Felder außerhalb der Zivilisation. Sie kommen an Apfel- , Kirsch- und Pflaumenbäumen vorbei.

Doch dann sehen Sie an einem der Bäume einen Menschen hängen. Er scheint sich zwischen Tod und Leben zu befinden. Er grinst zwar nicht, sieht aber auch nicht leidend, geplagt oder tief traurig aus. Wir haben kein Vorwissen, weder über den Hängenden noch die Umstände.

Nun die Frage: Gehen Sie vorbei und lassen ihn hängen, oder holen sie den Mann vom Baum?

Sowohl Freiheit, als auch Würde sind unverfügbare Werte, also materiell unverfügbar, so kann nicht mit ihnen gehandelt oder getauscht werden. Sie können aber “weggenommen” werden, jemand anderes kann also darüber verfügen, bei z.B. dem Sklavenhandel sogar beides. Jedoch sind in unserer heutigen Gesellschaft Würde und Freiheit als unverfügbare Werte nur sich selbst, also dem Individuum zugeschrieben.

Sie sind durch die Verfassung, die Gesetze und den ausführenden staatlichen Arm garantiert, da sich aus dem Naturzustand und dem daraus resultierenden Kampf um mehr/ größere Freiheit Regeln als notwendig erwiesen haben. Also muss für ein Eingreifen des Staates ein Mensch benachteiligt sein, eine ungerechte Ungleichheit bestehen. Die Lösung, also die Gleichbehandlung sind Gesetze. Lang ist`s her.

Das Prinzip für die Gleichheit kann auch als nicht-Gesetzcharakter so beschrieben werden, dass ich nur soviel darf, solang das jeder Andere auch kann. Also Kants kategorischer Imperativ oder auch die christliche Norm “was du nicht willst, dass man dir tu`, das füg` auch keinem anderen zu.”

Die Frage nach der Würde würde womöglich einen lange Diskussion vom Zaun brechen, da sie nicht greifbar ist. Sie ist abstrakt, utopisch und und wohl erst nach ihrem Verlust erkennbar. Ich beziehe mich in meiner Ausführung auf die Gleichstellung aller Menschen, unabhängig von äußeren Merkmalen oder inneren Ansichten, da sie alle den gleichen Wert haben, welcher sich durch die Würde auszeichnet.

Also hat ein Mensch Würde, wenn er für gleichgestellt gesehn wird, egal wer er ist, was er tut und will. Toleranz ist also eine Bedingung, da durch sie jeder akzeptier wird, eine Gleichheit geschaffen wird. Also ist Würde das was Ungleichheit (als Ergebniss also Ungerechtigkeit) schlecht macht, da eben diese Gleicheit, diese Wertgleichheit zerstört wird. Wenn jemand Würde will, heißt das, dass er einem jeden Anderen auch seine Würde zugestehen muss.

Ich kann nicht wissen welchen inneren Zustand der Hängende hat, gehe also von keiner psychischen Störung oder dergleichen aus. Ich gehe auch davon aus, dass sich der Mann aus freien Stücken zum Suizied entschlossen hat, also nicht dazu gedrängt wurde. (Die Handlungskette, dass er sich nur aufgrund von äußeren Einflüssen dazu hat zwingen lassen, also nur auf Umstände reagiert ist nachzuvollziehen. Doch dass er aus der Fremdbestimmtheit heraus selbstbestimmt gegen seine Triebe handelt, sich also über das Tier in ihm setzt, auch. Somit schließe ich eine immense Fremdbestimmtheit, als auch eine übertrieben Selbstbestimmtheit aus, da sie unser Experiment nur verkomplizieren würden.)

Er wollte sich also umbringen. Hat sich dafür entschieden. Tut es.

Wenn Sie ihn nun “abhängen”, vom Baum holen, nehmen sie ihm seine Freiheit der Entscheidung, welche ja in diesem Fall die absolute Freiheit bedingt, als auch seine Würde. Sie stellen sich über ihn und nehmen ihm das letzendlich entscheidende Stückchen Freiheit, was über sein Leben entscheidet. Sie nehmen ihm jedoch auch die Würde, da sie es zwar für richtig halten, er aber nicht, ist das, so blöd es nun klingen mag, intolerant. Sie geben ihm also einen minderen Wert, da sie sich über ihn stellen und somit eine Ungleichheit mit resultierender Ungerechtigkeit herstellen.

Er hat sich dazu entschieden sich umzubringen (= Freiheit im paradoxen Sinne, da diese Freiheit ja über Tod und Leben entscheidet) und hat Würde sofern dies respektiert, beziehungsweise toleriert wird. Sich selbst hat er weder die Würde noch die Freiheit genommen. Die Freiheit, weil er sich dafür entschieden hat nicht zu leben, sich die Freiheit herausnimmt über seine Freiheit im Bezug auf das Leben zu entscheiden. Da in diesem Fall Freiheit nicht als Leben gesehen werden darf, sondern als das was er will und das ist eben “Nichtleben”. Und die Würde würde ich im bezug auf seine Person so definieren, dass er selbst damit übereinstimmt zu sterben, seine eigene Entscheidung respektiert. Da in diesem Fall wirklich keine Person betroffen ist außer er, da es ja eher ein Zufall, ein nicht gewolltes Ereigniss ist, dass jemand vorbei kommt der jetzt in diesen Prozess eingebunden wird. Die Beteiligten die der Hängende also bedacht/eingeplant hat sind keine außer ihm, da der Vorbeikommende erst kommt, wenn sich der Hängende schon zwischen Tod und Leben befindet. Sie oder ich sind nun eine Variable die nicht eingeplant werden konnte. Wir nehmen uns, wenn wir eingreifen, das Recht heraus uns über ihn zu stellen, da wir uns als “allwissend”, “unfehlbar” und “perfekt” sehen, jeden anderen aber nicht. Der Vorbeikommende schreibt sich den Zufall wohl als “Schicksal” zu. Es wäre ja sogar eine nicht würdevolle Handlung, da wir ihm keine Würde zugestehen.

Wenn wir also eingreifen nehmen wir dem Mann seine Würde, da wir sie nicht anerkennen und seine Freiheit, weil wir sein Handeln als falsch sehen, unseres dagegen als richtig, und deshalb in seine individuelle Freiheit eingreifen, sie “aufheben”, komplett wegnehmen, da diese Freiheit als seine letzte gesehen werden muss. Diese Freiheit der Entscheidung war insofern das Maximum an Freiheit, da er sich entschieden hat, und es sogar getan hat, wir  das aber aufheben. Noch fataler wird es, wenn man bedenkt, dass für ihn keine Möglichkeit mehr bestand seine Entscheidung zu revidieren, sie also komplett abgeschlossen gewesen sein muss.

Wenn man nicht eingreift, lässt man ihm sowohl seine Würde als auch Freiheit, wenn doch nimmt man ihm jedoch beides und lässt ihn womöglich als Krüppel (Folgeschäden des Hängens) in der ihm nicht zusprechenden Welt zurück. Handeln im Sinne von Eingreifen, ist, wie ich bereits sagte, nur bei einer Ungleichheit gerechtfertigt, jedoch erzeugen Sie durch das Eingreifen erst die Ungleichheit, in welche der Hängende wiederrum nun nicht eingreifen kann.

Sehe ich es nun richtig, dass Würde das Akzeptieren der individuellen Freiheit eines jeden, vor dem Hintergrund des kategorischen Imperaives ist?

Ich hatte, als ich anfieng, das Ziel meine Meinung, dass das Vorbeigehen richtig ist, zu fundieren, da ich dachte, wenn ich da hängen würde und sterben wollen würde, würde ich nicht wollen, dass sich jemand über meine Entscheidung und der daraus resultierenden Tat stellt, sich als besser sieht, und mich dann wieder ohne dass ich ihn hätte aufhalten können in die Welt zurück holt.

Und Sie?

Author: susdummy

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